– über Scham, radikale Akzeptanz und den Mut, sich selbst nicht aufzugeben
Du darfst sein.
Wann hast du dich das letzte Mal angesehen, ohne etwas an dir verändern zu wollen?
Nicht, um zu prüfen, ob du genug geleistet hast. Nicht, um festzustellen, was du noch verbessern könntest. Nicht, um dich mit anderen zu vergleichen.
Einfach, um dich zu sehen.
Wir leben in einer Welt, in der beinahe alles optimiert werden kann. Unsere Körper, unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unsere Gedanken und sogar unsere Erholung.
Wir sollen leistungsfähig sein, aber nicht gestresst. Selbstbewusst, aber nicht arrogant. Hilfsbereit, aber mit gesunden Grenzen. Erfolgreich, aber bescheiden. Authentisch, aber bitte nicht unbequem.
Und irgendwo zwischen all diesen Erwartungen sitzen zwei vertraute Gestalten: unser innerer Kritiker und unser innerer Antreiber.
Der eine sagt: „Du bist nicht gut genug.“
Der andere antwortet: „Dann streng dich eben mehr an.“
Und wir? Wir versuchen, beiden gerecht zu werden.
Manchmal so lange, bis wir vergessen haben, dass unser Leben mehr sein darf als eine endlose Beweisführung unseres eigenen Wertes.
Wenn aus einem Fehler ein Urteil über unsere Existenz wird
Es gibt eine Form von Scham, die weit über das unangenehme Gefühl hinausgeht, etwas falsch gemacht zu haben.
Schuld kann uns sagen: „Ich habe etwas getan, das nicht meinen Werten entspricht.“
Scham hingegen kann flüstern: „Ich bin falsch.“
Und manchmal wird aus diesem Flüstern eine Überzeugung, die so tief sitzt, dass selbst ein liebevolles Wort von außen kaum noch zu ihr durchdringt. Und wenn doch, so wird es nicht geglaubt.
Wir schämen uns dann nicht nur für unser Verhalten. Wir schämen uns für unsere Bedürfnisse, unsere Gefühle, unsere Verletzlichkeit. Vielleicht sogar dafür, Raum einzunehmen, anderen zur Last zu fallen oder überhaupt sichtbar zu sein.
Wir beginnen, unsere Erfolge kleinzureden, unsere Stärken zu relativieren und unsere Fehler zu vergrößern.
Ein Lob wird zum Zufall. Eine Anerkennung zur Höflichkeit. Ein Erfolg zu etwas, das schließlich jeder hätte schaffen können.
Doch ein einziger Fehler?
Der scheint plötzlich alles zu beweisen, was wir insgeheim über uns befürchten. Die Tiefen Zweifel fühlen sich bestätigt und etwas beginnt Erfahrung für Erfahrung eine Art Käfig zu bilden. Die Scham wird zu einem inneren Gefängnis. Und nein, unsere Möglichkeiten werden und nicht genommen- aber jede Bewegung birgt plötzlich das Risiko, erneut beschämt, abgelehnt oder kritisiert zu werden.
Also bleiben wir stehen. Und da ist sie, die Angst, dass ein weiterer Fehler etwas in uns endgültig zerbrechen könnte.
Vielleicht musst du dich heute gar nicht verbessern
- Was wäre, wenn wir für einen Augenblick aufhören würden, uns selbst wie ein unfertiges Projekt zu behandeln?
- Wenn wir nicht sofort nach der nächsten Lösung suchen, nicht nach einer neuen Methode, einer besseren Routine oder einer weiteren Aufgabe?
- Was wäre, wenn wir uns stattdessen erlauben würden, einfach da zu sein?
Mit dem, was gelungen ist. Mit dem, was misslungen ist. Mit Entscheidungen, auf die wir stolz sind, und solchen, die wir heute anders treffen würden.
Mit unserer Güte und unserer Wut. Unserem Mut und unserer Angst. Unserer Großzügigkeit und unseren Grenzen.
Vielleicht bedeutet Selbstannahme nicht, alles an sich schön zu finden. Vielleicht bedeutet sie, endlich aufzuhören, sich selbst nur unter Vorbehalt zu begegnen.
Ich darf mich verändern, ohne mich vorher verachten zu müssen.
Darin liegt eine besondere Form der Freiheit. Die haben wir alle. Sie gehört uns.
Denn wer sich selbst nicht mehr fortwährend bekämpfen muss, gewinnt Energie zurück. Energie, die zuvor in Selbstvorwürfen, Rechtfertigungen und inneren Gerichtsverhandlungen gebunden war.
Energie, die wieder dem Leben gehören darf. Deswegen habe ich für mich ein Liebesbrief verfasst. Nicht weil ich besonders großartig wäre, sondern weil ich es wert bin, von mir geliebt zu werden… und wer weiß vielleicht ist es eine Art Einladung für dich, dir und deinem Selbstwert zu schreiben.
Vielleicht berührt dich mein Brief an mich- dann schenke ich auch dir diese Worte für dein Wohlergehen. Denn sie sind echt. Sie sind ernst gemeint und nicht pauschalisiert. Geben wir den Worten, den Wert den wir brauchen.
*Ein Liebesbrief an mich selbst
Für die Tage, an denen mein innerer Kritiker lauter ist als alles andere.
Liebes Ich,
ich weiß, dass du müde bist.
Ich weiß, wie sehr du dich bemühst, alles richtig zu machen. Wie oft du deine Worte noch einmal durchgehst, deine Entscheidungen hinterfragst und dich fragst, ob du anders hättest handeln sollen.
Ich kenne deine Fehler.
Ich kenne die Augenblicke, in denen du ungerecht warst, ungeduldig, ängstlich oder überfordert. Ich kenne die Dinge, die du bereust, und die Worte, die du gerne zurücknehmen würdest.
Und weißt du was?
Ich möchte dich trotzdem nicht verlassen, denn du bist mehr als die Summe deiner Fehler. Ich habe so lange versucht, dich zu einem Menschen zu machen, den niemand ablehnen kann.
Ich wollte, dass du freundlich bist, aber nicht schwach. Stark, aber nicht hart. Erfolgreich, aber nicht überheblich. Bescheiden, aber nicht unsichtbar.
Ich dachte, wenn ich nur streng genug mit dir bin, könnte ich dich vor Verletzungen bewahren. Denn ich weiß, der innere Kritiker in mir macht das alles, weil er mich schützen will. Weil er selbst Angst hat.
Aber ich möchte nicht länger, dass du dich kleinmachen musst, um dich sicher zu fühlen.
Ich möchte dir sagen, dass ich dich sehe.
Ich sehe, wie oft du wieder aufgestanden bist, obwohl niemand bemerkt hat, dass du gefallen warst. Ich sehe, wie viel Liebe du gegeben hast, auch wenn sie nicht immer erwidert wurde. Ich sehe deinen Mut. Auch dort, wo du selbst nur Angst erkennst.
Und ich sehe deine Wunden.
Du musst sie nicht schönreden. Du musst aus ihnen keine besondere Stärke machen. Nicht jede Verletzung braucht eine Lektion, nicht jeder Schmerz einen tieferen Sinn.
Manches war einfach schmerzhaft. Manches war ungerecht. Und manches darf noch wehtun.
Du darfst am Boden liegen, wenn dir die Kraft zum Aufstehen fehlt. Du darfst deine Wunden versorgen, traurig sein, wütend werden und um das trauern, was du dir anders gewünscht hast.
Du musst nicht sofort wieder funktionieren.
UND wenn du irgendwann bereit bist, möchte ich dich an etwas erinnern:
Der Boden ist ein Ort, an dem du dich ausruhen kannst. Er muss nicht der Ort sein, an dem deine Geschichte endet. Du darfst wieder aufstehen: um deinen eigenen Wert zu erleben und nicht um irgendwen davon zu überzeugen oder es jemandem zu beweisen. Ganz unabhängig von der Außenwelt darfst du wertvoll sein, wertvoll werden und dieses Gefühl auch fühlen und leben: weil noch Leben auf dich wartet.
Vielleicht wirst du wieder Fehler machen. Vielleicht wirst du Menschen enttäuschen. Vielleicht wirst du erneut scheitern.
Dann möchte ich, dass du Verantwortung übernimmst, wo sie hingehört. Dass du um Entschuldigung bittest, wenn du jemanden verletzt hast. Dass du lernst und wächst. Aber ich möchte nicht mehr, dass du dich dafür selbst bekämpfst oder vernichtest.
Ich wünsche mir, dass du deine Stärken genauso ernst nimmst wie deine Schwächen. Dass du ein Kompliment annehmen kannst, ohne es sofort abzuschwächen. Dass du stolz sein darfst, ohne dich dafür zu schämen. Dass du Grenzen setzt, ohne deine Liebenswürdigkeit beweisen zu müssen. Und dass du eines Tages in den Spiegel schauen kannst und nicht zuerst nach dem suchst, was falsch ist.
Vielleicht musst du dich nicht jeden Tag lieben.
Vielleicht reicht es manchmal, wenn du dir mit derselben Menschlichkeit begegnest, die du anderen so selbstverständlich schenkst. Ich verspreche dir nicht, dass wir nie wieder zweifeln werden.
Aber ich möchte versuchen, bei dir zu bleiben. Auch an den schwierigen Tagen. Gerade an den schwierigen Tagen. Denn du musst nicht erst jemand anderes werden, um deine eigene Achtung zu verdienen.
Du darfst sein.
In Liebe,
Ich.
Vielleicht ist der wichtigste Abschied unseres Lebens nicht immer der von einem anderen Menschen. Vielleicht ist es manchmal der Abschied von der Vorstellung, dass wir erst vollkommen werden müssen, bevor wir uns selbst annehmen dürfen.
Der Abschied von einer inneren Stimme, die uns nur durch Strenge schützen wollte. Von der Überzeugung, dass unsere Fehler schwerer wiegen als unsere Menschlichkeit. Und von einem Leben, in dem wir unsere Existenz immer wieder rechtfertigen müssen.
Radikale Akzeptanz bedeutet nicht Resignation.
Sie bedeutet, anzuerkennen, was ist, ohne daraus ein endgültiges Urteil darüber zu machen, was noch werden kann.
Wir können unsere Geschichte nicht ungeschehen machen. Was wir können ist lernen, anders mit dem Menschen umzugehen, der sie erlebt hat. Anders mit uns umzugehen: liebevoller, menschlicher, nachsichtiger, geborgener.
Vielleicht werden wir nie ganz frei von Scham, Selbstzweifeln oder dem Wunsch, dazuzugehören. Doch wir können üben, uns von diesen Gefühlen nicht vollständig bestimmen zu lassen.
- Wir können aufstehen, wenn wir wieder Kraft haben.
- Wir können uns zeigen, auch wenn wir nicht allen gefallen.
- Wir können zu unseren Fehlern stehen, ohne uns auf sie zu reduzieren.
- Und wir können beginnen, unser Leben nicht länger als eine Aufgabe zu betrachten, die wir erst bestehen müssen.
Du bist kein unfertiger Mensch, der sich seine Daseinsberechtigung verdienen muss.
Du bist ein Mensch, der lebt, fühlt, lernt, liebt, irrt und wächst. Vielleicht erlaubst du dir deine Selbstliebe mit einer stillen Entscheidung:
„Ich bin nicht perfekt. Aber ich werde mich deshalb nicht länger verlassen.“
Du darfst Verantwortung für deine Fehler übernehmen, ohne dir die Liebe zu dir selbst als Strafe zu entziehen.
*Wenn Scham so überwältigend wird, dass sie deinen Alltag, deine Beziehungen oder dein Gefühl von Sicherheit stark beeinträchtigt, darfst du dir Unterstützung holen. Besonders tief verwurzelte Scham muss nicht allein bewältigt werden.
Sabrina Lettieri, Oktober 2026

