Vielleicht dürfen wir lernen, unsere Fehler zu besitzen
Mich beschäftigt derzeit die Menschlichkeit.
Vielleicht, weil ich in meinen Therapien immer wieder Menschen begegne, die sich selbst irgendwo auf dem Weg zur Perfektion verloren haben.
Menschen, die anderen Fehler zugestehen.
Nur sich selbst nicht.
Sie dürfen nicht zu langsam sein. Nicht unproduktiv. Nicht unüberlegt. Nicht unbeherrscht. Nicht unvollkommen.
Es wird kategorisiert.
Geordnet.
Bewertet.
Richtig oder falsch. Gut oder schlecht. Gelungen oder misslungen. Produktiv oder faul. Entwickelt oder rückfällig.
Immer mit dem Ziel, noch leistungsfähiger zu werden.
Noch effizienter.
Noch reflektierter.
Jetzt. Nicht morgen.
Wir leben in einer Zeit, in der selbst das Menschsein optimiert werden soll.
Wir sollen unsere Muster erkennen. Unsere Trigger kennen. Unsere Wunden heilen. Besser kommunizieren. Gesünder leben. Bewusster lieben. Effizienter arbeiten.
Und am besten machen wir auch bei unserer Entwicklung keine Fehler.
Ein Optimierungswahn, der es in sich hat.
Denn irgendwann geht es vielleicht gar nicht mehr darum, zu wachsen. Vielleicht geht es darum, unangreifbar zu werden. Wenn ich keinen Fehler mache, kann niemand mich kritisieren. Wenn ich alles richtig mache, kann mir niemand etwas vorwerfen. Wenn ich mich nur gut genug reflektiere, schneller lerne, mehr leiste und mich immer weiter optimiere, bin ich vielleicht irgendwann …
sicher.
Aber Menschlichkeit ist nicht effizient.
Sie zögert.
Sie widerspricht sich.
Sie braucht manchmal drei Anläufe.
Sie versteht Dinge zu spät.
Sie sagt das Falsche und findet erst nachts die richtigen Worte.
Sie fällt in alte Muster zurück, obwohl sie es doch längst besser weiß.
Sie trifft Entscheidungen, die sie später bereut.
Und manchmal verletzt sie sogar Menschen, die sie liebt.
Vielleicht ist Perfektionismus deshalb gar nicht das Gegenteil von Fehlern. Vielleicht ist Perfektionismus das Gegenteil von Menschlichkeit.
Fehler. Helfer.
Die gleichen Buchstaben. Nur anders angeordnet.
Ich liebe diesen Gedanken.
Denn die Buchstaben bleiben dieselben. Das Geschehene bleibt dasselbe.
Nichts wird beschönigt. Nichts wird rückgängig gemacht. Nichts wird wegerklärt.
Nur die Ordnung verändert sich. Und plötzlich verändert sich die Bedeutung.
Aus dem Fehler wird ein Helfer. Das macht Fehler nicht plötzlich schön.
Und er soll nicht dazu dienen, dass wir uns einreden sollen, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Und auch nicht, weil wir jetzt lernen müssen, unsere Fehler möglichst vorbildlich zu lieben.
Vielleicht darf es um etwas anderes gehen. Vielleicht müssen wir unsere Fehler nicht loswerden. Vielleicht müssen wir lernen, sie zu besitzen.
Das ist MEIN Fehler.
Was geschieht eigentlich, wenn ein Mensch mit Stolz sagen kann:
„Das ist MEIN Fehler. Er gehört MIR.“
Solange ein Fehler etwas ist, das andere über uns wissen, kann er sich anfühlen, als gehöre er ihnen.
„Aber damals hast du …“
„Du bist doch diejenige, die …“
„Du hast selbst …“
Und plötzlich stehen wir da.
Erklären. Rechtfertigen. Relativieren.
Wir versuchen zu beweisen, dass wir eigentlich ein guter Mensch sind. Dass wir es nicht so gemeint haben. Dass es Gründe gab. Dass wir heute anders sind. Wir versuchen, den Fehler loszuwerden.
Und während wir das tun, liegt er nicht mehr bei uns.
Er liegt zwischen uns. In den Händen desjenigen, der ihn gerade gegen uns verwendet. Doch was geschieht, wenn ich ihn zurücknehme?
Ja.
Ja, das habe ich getan.
Ja, ich habe mich geirrt.
Ja, ich habe etwas nicht gesehen.
Ja, ich habe jemanden verletzt.
Ja, damals konnte ich es nicht besser.
Vielleicht wusste ich es sogar besser und habe trotzdem falsch gehandelt.
Das gehört mir.
Nicht: Das bin ich.
Sondern: Das ist meiner.
Und plötzlich verschiebt sich etwas.
Die Verantwortung. Die Macht. Die Energie.
Denn wer seinen Fehler besitzt, muss sich nicht mehr gegen ihn verteidigen. Diese Energie wird dann plötzlich frei… und womöglich leicht.
Sie behaupten es nicht. Sie behaupten sich.
Ich liebe die deutsche Sprache für solche Momente.
Denn Menschen, die ihren Fehler zu sich nehmen, behaupten ihn nicht grundlos.
Sie behaupten sich.
Und sich zu behaupten bedeutet in diesem Fall nicht, recht zu behalten.
Es bedeutet nicht, den Fehler kleinzureden. Es bedeutet nicht, Verantwortung abzuwehren.
Vielleicht bedeutet es: Ich bleibe da, obwohl ich falsch lag.
Ich verschwinde nicht. Ich schrumpfe nicht. Ich werde nicht zum Angeklagten meines eigenen Lebens. Ich lasse mich nicht auf diesen einen Moment reduzieren. Ich kann Verantwortung übernehmen, ohne mich selbst abzugeben. Wie fühlt sich das an?
Vielleicht ist genau das Menschlichkeit:
Die Fähigkeit, bei sich zu bleiben, auch wenn man sich selbst gerade nicht gefällt.
Und das Schöne ist:
In diesem Moment verliert nicht nur das Gegenüber an Macht. Auch der eigene innere Kritiker. Denn er arbeitet erstaunlich ähnlich.
„Weißt du noch?“
„Du hast damals …“
„Wie konntest du nur?“
„Ein guter Mensch hätte …“
Und was geschieht, wenn wir ihm irgendwann antworten können:
„Ja. Ich weiß. Es ist schließlich meiner.“
Was soll er dann noch enthüllen? Was soll er noch beweisen? Womit soll er uns bedrohen, wenn wir das, was geschehen ist, längst selbst in den Händen halten?
Vielleicht dürfen Fehler sogar ein Grund sein, stolz auf uns zu sein
Dieser Gedanke ist für viele Menschen zunächst völlig fremd.
Ein Fehler als Grund für Stolz? Wie soll das gehen?
Vielleicht nicht, weil wir stolz darauf sein müssen, was wir getan haben. Sondern auf das, was wir danach getan haben.
Dass wir hingesehen haben.
Dass wir nicht davongelaufen sind.
Dass wir Verantwortung übernommen haben.
Dass wir gelernt haben.
Dass wir uns verändert haben.
Dass wir heute etwas sehen können, das wir damals noch nicht sehen konnten.
Ein Fehler kann sichtbar machen, dass wir lernfähig sind. Dass wir wachsen können. Dass wir nicht für immer die Menschen bleiben müssen, die wir in einem bestimmten Moment gewesen sind. Und vielleicht ist das der Punkt, an dem der Fehler tatsächlich zum Helfer wird.
Weil wir ihn neu anordnen dürfen.
Wir nehmen die Energie, die bisher in Scham, Abwehr, Rechtfertigung und Selbstbestrafung geflossen ist, und widmen sie unserem Wachstum.
Nicht mehr:
Wie kann ich beweisen, dass ich kein schlechter Mensch bin?
Sondern:
Was mache ich jetzt mit dem, was ich gelernt habe?
Vielleicht ist genau das der Rückenwind.
Wie schön muss es sich anfühlen, wenn jemand versucht, uns mit einem Fehler festzuhalten, und wir ihn selbstbewusst zu uns nehmen können:
Ja. Der gehört mir. Du kannst ihn mir nicht vorhalten. Ich halte ihn längst selbst. Ich habe hingesehen. Ich habe daraus gelernt. Und jetzt gehe ich mit ihm weiter.
Vielleicht müssen wir unsere Fehler nicht loswerden.
Vielleicht dürfen wir sie besitzen.
Vielleicht dürfen wir aus dem, was uns kleinhalten sollte, unseren eigenen Rückenwind machen.
Vielleicht ist das Menschlichkeit.
Sabrina Lettieri, Sommer 2026

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