Wer bin ich, wenn ich alleine bin?
Wer bin ich, wenn niemand da ist, der mich trägt? Wer, wenn Eltern, Großeltern, die mir Halt gaben, sich verabschieden? Verlust sitzt tief, denn oft gehen wir hin und denken, was hätte sich die Person gewünscht, die verstorben ist… und dann folgen 1000 Gedanken über das eigene Ich. Über die Person, die man war, die man ist… und nun, die Person, die man wird- egal ob gewollt oder nicht. Wachstum geschieht nicht immer gradlinig. Wir werden geprägt, vieles was wir lernen sind Denkweisen, Verhaltensmuster oder Weltbilder anderer Menschen. Das wird dann auch teilweise Teil unserer Identität.
Meine Eltern sind Migranten. Meine Mutter, Argentinierin, mein Vater, Italiener. Sie haben ein sicheres Zuhause für mich gesucht, mich durch das Leben getragen, bevor ich es selbst tragen konnte. Zusammen mit meinen Großeltern haben sie sich eine neue Heimat geschaffen. Zunächst in Italien, dann aufgrund der Suche nach Gastarbeitern in Deutschland, der Umzug nach Deutschland. Ich bin in Deutschland geboren, spreche Spanisch, Italienisch, Deutsch. Für die Deutschen bin ich die Italienerin, für die Italiener die Deutsche. Und die argentinische Kultur? Gewohnt, aber nie offiziell zugehörig. Ich fühle mich, als dürfte ich nicht existieren. Ich war nie ganz zuordenbar. Unbestimmt. Unsichtbar.
Als die Rente meiner Großeltern begann, kehrten sie nach Italien zurück. Früher fuhren wir zu Urlaubszeiten immer zu ihnen. Jetzt ist es meine zweite Heimat, der Ort, an dem ich mich willkommen fühlte. Und plötzlich fällt diese Wurzel weg. Ein Teil meiner Identität stirbt. Wer bin ich jetzt? Wo kann ich hin? Wer nimmt mich noch bedingungslos an? Muss ich lernen, dass ich mich nicht mehr zurückziehen kann? Dass ich jetzt noch erwachsener werden muss? Ich fühle mich, als würde mir die Leichtigkeit genommen werden.
Es ist sehr einsam. Es ist traurig. Es fühlt sich nicht fair an. Ich spüre, wie meine Identität sich verschiebt, auseinanderdriftet. Für die Deutschen bin ich die Italienerin, für die Italiener die Deutsche. Und ich? Ich fühle mich ausgeliefert, als müsste ich mich erklären, rechtfertigen. Denn wenn wir nach diesen Kriterien gehen- gehöre ich zu keinem 100% dazu.
Identität ist so eine Sache. Wir reden oft in Schwarz-Weiß-Begriffen, in leichter Sprache, in Extrembeispielen, um Dinge greifbar zu machen. Aber was ist typisch? Wer definiert das „Typische“? Führt das Typisieren nicht auch zu Ausgrenzung? Ich liebe Italien – für Familie, Kultur, Essen. Deutschland – für Ordnung, Struktur, Bildung. Argentinien – für Lebensfreude, Rituale, Liebe. Aber keine Nation kann mich auf all das reduzieren. Ich bin mehr als die Summe dieser Länder.
Ich bin nicht meine Papiere. Ich bin nicht die Projektionen anderer. Ich bin der Raum, den ich mir wünsche. Ich darf trauern um diesen großen Verlust- und dem was mit dieser Person geht, ehe ich die Kraft finde, vorwärtszugehen, mich neu zu sortieren und mich neu zu finden. Ich muss schlucken, dass es keine warme Umarmung gibt, die mich sehnlichst erwartet. Dass die Türen meiner „Heimat“ verschlossen bleiben. Nicht weil ich nicht mehr geliebt werde- einfach weil es nicht mehr so sein wird, wie es einst war. Und doch: Ich kann beginnen, diese Heimat selbst zu werden – für mich, für die nachfolgende Generation.
Verlust ist eine Art Liminalität – ein Zwischenzustand, in dem alte Rollen fallen und neue gefunden werden müssen. Meine Trauer, meine Unsicherheit, mein Gefühl der Unbestimmtheit sind nicht Zeichen von Schwäche, sondern von Übergang. Psychologisch gesehen: Wer Wurzeln verliert, muss lernen, neue zu schlagen – nicht nur im Außen, sondern in sich selbst.
Es ist einsam. Es schmerzt. Es ist traurig. Und es ist Leben. Ich lerne, mich in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verabschieden. Vielleicht darf ich die Fußstapfen füllen, vielleicht darf ich für andere Heimat sein. Vielleicht ist genau das der Neubeginn: den Raum, den ich mir wünsche, selbst zu gestalten.
Sabrina Lettieri, Herbst 2025

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