Wir leben in einer Gesellschaft, die Zeit wie eine Checkliste behandelt. Ein Punkt nach dem anderen. Ein Ziel nach dem nächsten. Immer mit dem Versprechen: Danach beginnt das eigentliche Leben.
Doch wann genau ist „danach“?
Warum muss ein Kind mit 16 wissen, welchem Beruf es „für den Rest seines Lebens“ nachgehen soll – in einer Welt, die sich schneller verändert als je zuvor? Warum wird von Frauen erwartet, sich zwischen Familie und Karriere zu entscheiden, während wirtschaftliche Strukturen weiterhin so gestaltet sind, als gäbe es keine Carearbeit, kein Leben außerhalb des Jobs? Warum existiert diese unsichtbare Deadline mit 30 – für Beziehungen, Kinder, Erfolg, Stabilität – als wäre das Leben ein Projektplan?
Und wo ist die Zeit geblieben, während wir von Projekt zu Projekt, von Ziel zu Ziel gearbeitet haben?
Vielleicht liegt die unbequeme Wahrheit darin, dass wir einer Zeitillusion folgen. Der Illusion, dass Leben später stattfindet. Dass Nähe nachgeholt werden kann. Dass es „irgendwann“ genug Raum geben wird für das, was jetzt zählt.
Ein Gedanke, den viele Großeltern heute aussprechen, ist: „Geh du ruhig arbeiten, ich baue eine Beziehung zu den Enkeln auf.“ Und in Gedanken ist es eine Form der stillen Wiedergutmachung, für die Versäumnisse in der Erziehung der eigenen Kinder.
Was gut gemeint ist, offenbart etwas Schmerzhaftes. Denn Kinder erinnern sich nicht an Absichten. Sie erinnern sich an Präsenz.
Sie erinnern sich nicht daran, dass wir für sie gearbeitet haben – sondern daran, wer da war.
Wenn wir heute für unsere Kinder nicht da sein können, im Glauben, es bei den Enkeln „richtig“ zu machen, verschieben wir erneut das Leben auf später. Doch Beziehung ist nicht delegierbar. Und Zeit lässt sich nicht kompensieren.
Es ist ein erschreckender Gedanke, mit der stillen Erwartung zu leben, etwas Versäumtes später nachholen zu können – bei einer anderen Generation. Ohne Rücksicht darauf, ob das in Zukunft überhaupt gewünscht ist.
Warum findet Leben und Beziehung nicht jetzt statt? Warum nicht gleich? Jetzt, wo die Zeit reif ist. Jetzt, wo das Leben wirklich spielt. Jetzt, wo wir die Verantwortlichen sind.
Wir widmen einen Großteil unserer Lebenszeit einem System, das Leistung belohnt, aber Fürsorge auslagert- so lange verschiebt, bis wir selbst wieder auf mehr Fürsorge angewiesen sind- und dann ist keiner für uns da, weil andere Punkte auf der Checkliste des Systems neuer Generationen wichtig sind. Und das uns im Zweifel – im Alter, bei Krankheit oder Erschöpfung – im Stich lässt.
Dann stellt sich irgendwann die leise Frage: Sind wir nichts mehr wert, wenn wir nicht mehr funktionieren?
Was wird auf unserem Grabstein stehen? „War ein fleißiger Mitarbeiter“? „Hat sich immer stets bemüht (ward zuhause selten gesehen)“
Das Leben ist keine To-do-Liste. Es ist nicht linear. Es ist nicht „erst leisten, dann leben“.
Es ist alles gleichzeitig.
Dieser Moment – jetzt – ist unser Leben. Und er ist die Erinnerung von morgen.
Vielleicht geht es bei Abschied und Neubeginn genau darum: Abschied von der Illusion, dass Zeit uns gehört oder dass wir sie nachholen können. Neubeginn im bewussten Setzen von Prioritäten – dem Leben gegenüber.
Wir sind unseres eigenen Glückes Schmied. Für ein erfülltes Leben, widmen wir uns der Fülle, damit Erinnerungen entsteht, die nicht nur Statistiken dienen- sondern der Menschlichkeit: Den Herzen um uns herum.
Die Gesellschaft darf sich wandeln, damit alles zu seiner Zeit erlebbar bleibt. Nicht später. Nicht irgendwann.
Jetzt.
Und am Ende bleibt eine einfache, radikale Frage:
Woran möchtest du dich erinnern?
Sabrina Lettieri, Winter 2025

Wenn dich dieses Thema bewegt – du musst das nicht alleine durchdenken. Ich begleite dich gerne in einem ersten kostenlosen Gespräch.