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Schönheit im Bruch

Wir sind Menschen, haben unsere Kernfamilien, unsere Herkunftsfamilien, unsere Freunde und Menschen in der Umgebung, die uns alle irgendwie prägen und beeinflussen. Vorbilder mit denen wir uns identifizieren, die uns berühren und bewegen.

Ich habe „Kpop Demon Hunters“ gesehen – und mich bewegt besonders folgende Szene: Rumi, die Hauptdarstellerin, steht vor ihrer Stiefmutter und fragt sie, warum sie sie nicht liebt, warum sie sie nicht akzeptiert- so wie sie wirklich ist. Warum sie sich verstecken muss, statt einfach sein zu dürfen. Die Stiefmutter antwortet, dass sie sie sehr wohl liebt, nur auf ihre Weise – indem sie ihre Macken „verstecken“ will. Für die Stiefmutter bedeutet Heilung, sich anzupassen, nicht aufzufallen, bis das Problem behoben ist. Eine Vorstellung, die wir erlernt haben: Nicht aufzufallen, um dazuzugehören, um nicht ausgeschlossen oder bekämpft bzw. vernichtet zu werden. Die Geschichte hat Unmengen an Beispiele, wie Menschen andere Menschen bewerten, verurteilen, ausgrenzen bis hin zur Hinrichtung.

Rumi antwortet mit gebrochener, aber klarer Stimme: „Wenn das der Sinn der Sache ist, dann ist sie froh, dass ein Ende findet“. Aus dem Leid heraus, aus der Einsamkeit heraus, aufgrund einer Sache, für die sie nichts kann, entwickelt sie Verantwortung und Stärke. Sie steht für sich ein und singt von einer Vergangenheit die zerbrochen ist, aus dessen Bruchstücke etwas Neues entsteht. Sie singt darüber, dass sie der Beweis dafür ist, wer sie ist und woraus sie bestehe: aus dem Schlimmsten in ihr, aus Mustern, für die sie sich schäme.

„Ich habe versucht, sie [die Muster] zu reparieren, sie zu bekämpfen, sie zu verdrängen. Ich brach in Millionen Stücke – und kann nicht zurück.

Mein Kopf war verdreht, mein Herz gespalten, die Lügen brachen in sich zusammen. Ich verstehe nicht, warum ich mich nicht einfach anvertraute. Doch nun sehe ich die Schönheit in meinen Bruchstücken. Die Wunden und Narben sind Teil meines Lebens – Gutes wie Schlechtes vereint in mir.

Das bin ich, ohne Schein.

Meine Stimme, ohne Lüge.“

Diese Worte gehen mir nach. Sie erinnern mich daran, dass Wachstum schmerzt – dass es auch ein körperlicher Prozess ist. Ich spüre Druck in der Brust, wenn ich daran denke. Meine Schultern ziehen sich zusammen, als trüge ich die Last der Welt.

Sie singt weiter:

„Dann gibt es diese Seite, die zurückfällt, sich den Stimmen widmet, die mir nicht gut tut, und ich glaubte sie. So verfiel ich in eine Stummheit, einer Stille- genau da brauche ich die Hoffnung- die mir sagt, >ich bin nicht allein<„.

Wir müssen nicht auf uns alleine gestellt sein.

Wir sind es nicht.

Wir tragen nicht alleine die Last der Welt, wir tragen die Last der Eigenen.

Es gibt sie die Gemeinschaft, das Kollektive. „Wir machen Fehler, lügen und leiden- das macht uns nicht zu Helden, wir bleiben Überlebende. Wir sind Träumer, Kämpfer- ermüdet und doch tauchen wir tiefer in unsere Mitte- wo wir nicht alleine sind, weil immer jemand ist- ohne Angst und ohne Definition oder Label- so wie du bist- das deine Harmonie.“

Ein leuchten, das andere den Weg weisen kann.

Wie Peter Levine in der somatischen Traumatherapie beschreibt, ist dieses „Zerreißen zwischen Altem und Neuem“ ein natürlicher Vorgang. Der Körper bereitet sich auf Expansion vor. Er atmet tiefer, wenn wir endlich wagen, nicht mehr stillzuhalten.

Ich denke an meine eigenen Kindheitshelden, z.B. Sailor Moon der 90er Jahre – wie sie die höchste Form ihrer selbst wird, durch die Liebe zu den Menschen- für die Menschen. Sie kämpft, aber sie vernichtet nicht. Sie heilt, verwandelt. Ich denke an Spider-Man: im ersten Film bekämpft er die Bösen, genauso im zweiten Film: Amazing Spider Man. Dann im dritten Film, finden sie durch die vielen Spider Man in den unterschiedlichen Universen einen Weg, die Bösen zu heilen. Denn Böses geschieht nicht aus dem Nichts- es geschieht aus dem Leid und Leid kann gelindert werden. Die Erkenntnis ist in jedem der Filme vorhanden: „Aus großer Kraft, folgt große Verantwortung“. Etwas, dass man sich nicht aussucht, sondern etwas wofür man sich entscheidet.

Es bewegt mich.

Ich merke, wie ich selbst diese große Eigenschaft und Tiefe in mir trage und das ebenfalls weitertragen möchte. Es ist vorhanden – die Kraft in uns allen, die Liebe zu den Menschen, die Liebe in uns für uns selbst. Die, die hervorkommt, wenn wir anderen was Gutes tun, weil es nichts Schöneres gibt als glückliche Menschen.

Sie alle tragen Verantwortung, obwohl sie sie nicht gewählt haben. Sie tun es nicht, um geliebt zu werden. Sie tun es, weil sie wissen, wie es ist, verletzt zu sein. Sie sind Kinder, die Verantwortung tragen – Symbol für die Spannung zwischen Unschuld und Pflicht. Sie sind Heilerinnen, die sich selbst durch das Heilen anderer heilen – Symbol für Mitgefühl. Sie sind Kämpferinnen, Hüter*innen des Lichts – Symbol für Grenzen und Selbstachtung. Und sie sind Verletzte, die lernen, ihre Wunden nicht zu verstecken – Symbol für Authentizität und Transformation. Ihr Werdegang, die Heldenreise-ist kein leichter Weg, sie ist voller Schmerz und Leid, Druck und Verzweiflung – aber sie alle entscheiden sich für das Wachstum und die Hoffnung auf etwas Besseres.

Ich sehe den Zusammenhang in den Generationen und auch in den individuellen Leben: was, wenn wir Bewältigungsmechanismen leben, die wir nun nicht mehr brauchen? Früher war es vielleicht sinnvoll nicht aufzufallen, geschichtlich z.B., wenn man Jude war- denn dann wurde man nicht inhaftiert, gefoltert oder getötet. Genauso bei Homosexualität, oder einer Behinderung – oder auch bei psychischen Erkrankungen… die Stigmata mussten versteckt werden, müssen sie noch heute versteckt werden? – weil der Schmerz der Ausgrenzung zu hoch ist-.

„Wir dürfen nicht auffallen, denn Menschen mit weniger, suchen nach Fehlern, um unser Licht zu dämmen“.

Was wenn wir jetzt nicht mehr in Gefahr sind? Was, wenn wir als Generation endlich bekennen können, dass wir menschlich sind, Gefühle haben, auch solche, die wir nicht haben wollen. Eigenschaften, die wir selbst nicht gutheißen- aber wir können sie anerkennen, sie akzeptieren, an uns arbeiten. Was, wenn es ok ist zu lieben und die Verletzlichkeit vor sich zu tragen, trotz des Schmerzes für ein Leben in Freiheit und Authentizität?

All das ist der Prozess, den C. G. Jung „Individuation“ nannte – das Werden des Selbst, das Licht und Schatten gleichermaßen anerkennt. Das sich selbst sieht, in seiner ganzen Unvollkommenheit, und gerade darin ganz wird.

Ich spüre: Es ist Zeit, sichtbar zu werden. Und sofort meldet sich diese Stimme: „Was werden die anderen denken?“ „Wie werde ich bewertet?“

Doch genau darum geht es.

Es ist der Mut, den alle Held*innen in sich tragen – den Mut, nicht liegen zu bleiben, sich nicht geschlagen zu geben, das Beste aus dem zu machen, was wir in uns tragen. Wie Viktor Frankl sagt: Sinn entsteht, wenn wir auf das Leben antworten – trotz allem.

In mir zieht sich eine leise Spannung: das, was die existentielle Psychologie „Tension of Becoming“ nennt – die Spannung zwischen dem, was ist, und dem, was werden will. Ich weiß, dass ich wachsen muss, auch wenn es weh tut. Die Alternative – stehen zu bleiben – ist nicht mehr auszuhalten.

Viele Menschen glauben, dass ihnen etwas „angetan“ wird. Doch oft sind es keine Angriffe, sondern Prozesse. Eine Frau offenbarte ihren Eindruck, dass ihre Klinik den Aufnahmetermin verschoben hat, und sie nicht weiß, wie sie mit dieser Ablehnung umgehen soll. Ich sagte ihr, dass es keine Ablehnung ihrer Person ist, sondern eine organisatorische Vorbereitung – damit die Klinik Raum, Personal und Zeit für sie hat. Damit es ihr besser geht. Wir neigen dazu zu unterstellen- aus Angst, aus schmerzlicher Erfahrung der Vergangenheit. Der Worts Case tritt nicht immer auf. Er dient zur Vorsicht, zur Abwägung der Entscheidung- nicht zur Blockade und dem Nicht-Ermöglichen eines wundervollen Lebens.

Es geht nicht darum, verletzt zu werden, sondern darum, zu erkennen, dass das Leben uns manchmal zwingt, einen Schritt zurückzutreten, um uns wirklich zu empfangen. Stoische Philosophen wie Epiktet sagten: Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Meinung über die Dinge.

Leid entsteht, schlechte Dinge passieren, Herausforderungen existieren.

Wir sind in der Lage uns ihnen zu stellen – ob wir wollen oder nicht. Der Schmerz ist echt, das Leid ist echt. Das Gefühl der Schwäche ist echt, die Angst ist echt – all das darf sein. All das hat seinen Platz – ob wir wollen oder nicht. Thich Nhat Hanh erinnert: Leid ist unvermeidlich – aber wie wir ihm begegnen, ist Wahl. Und Carl Rogers lehrt: Selbstannahme ist der Weg zu echter Selbstwirksamkeit.

Ich glaube, gute Dinge warten nicht auf einen passenden Zeitpunkt. Es ist die Entscheidung, das Leben zu packen und es zu leben – die Verantwortung zu übernehmen, sich selbst anzunehmen, aus Liebe zu sich, aus Liebe zu anderen. Einfach aus Liebe.

Denn Liebe ist kein Zustand, sie ist eine Haltung. Erich Fromm schrieb, dass Liebe nicht etwas ist, in das man fällt, sondern etwas, das man tut. Und vielleicht ist das die Wahrheit, die Rumi am Ende findet, die Sailor Moon verkörpert, die Spider-Man lernt: Dass Liebe die Kraft ist, die nicht bekämpft, sondern verwandelt. Dass wir in unseren Bruchstücken nicht weniger werden – sondern wahr. Und dass in der Entscheidung, verletzlich zu sein, eine Freiheit liegt, die größer ist als jede Angst.

Das ist die Schönheit im Bruch.

Das ist mein Abschied und mein Neubeginn.

Sabrina Lettieri, Herbst 2025

Wenn dich dieses Thema bewegt – du musst das nicht alleine durchdenken. Ich begleite dich gerne in einem ersten kostenlosen Gespräch.

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