Ich habe ein Gedicht gelesen, das mich tief berührt hat: „I have destroyed myself. I have rescued myself. I have lit the match. I have worn the cape. I have been the reason I fell. I have been the reason I rose. I have been human. Nothing is heavier. To be the ending and the beginning and to belong to them both.“ Es trägt so viel Wahrheit in sich.
Die Geburt – auch wenn es wenige gibt, die nicht so empfinden – ist schmerzhaft: Ein Kind verlässt die gewohnte Umgebung, die Mutter verabschiedet sich von der Symbiose. Dann beginnt ein Werdegang für beide neu.
„Anfangen können ist das vielleicht kostbarste Geschenk, das dem Menschen gegeben ist“ (Hanna Arendt). Doch jeder Anfang beginnt mit einem Loslassen.
Die Mutter ist immer das erste Mal Mutter – für jedes Kind, das ihr geschickt wird. Unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Herangehensweisen, um zu führen, zu lehren, zu begleiten. Gleichzeitig ist es ein Sich-Verlieren als Mutter – die Person, die sie zuvor war, ist sie nun nicht mehr.
Friedrich Nietzsche meinte: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Dieses Chaos ist der Schmerz – und zugleich die Verwandlung.
Es ist wichtig, sich hier auch Trauer zu erlauben. Denn die Person, die sie bis dahin war, wird nicht mehr sein. Sie wird ab jetzt immer auch Mutter sein. Und die Erinnerung an die vorherige Version ihrer selbst wird ihr Kraft schenken – Kraft, sich neu zu entwickeln, sich selbst neu zu definieren.
Rainer Maria Rilke flüstert: „Lass dir alles geschehen: Schönheit und Schrecken. Man muss nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.“
Ihre Erinnerung an sich selbst in der Vergangenheit wird ihre Kinder in den Etappen begleiten können. Und doch sind Mütter nicht ihre Kinder. Ihre Kinder sind nicht wie die Mutter.
Khalil Gibran erinnert: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.“
Und so muss eine Mutter auch hier loslassen, denn sie hat Leben geschenkt – es gehört nicht ihr. Sie wird sehen, wie ihre Kinder Fehler machen. Sie muss erlauben, dass sie Fehler machen dürfen. Sie wird ihre Kinder nicht vor allem Unheil schützen können. Sie wird es aber versuchen.
Am Schluss ist das, was wir als Unheil oder schlimm bezeichnen, oft das, was sie als Persönlichkeit groß machen wird. Keiner will Verletzungen erleiden – und doch führen sie uns an Orte der Entfaltung, an die wir zuvor nie gedacht hätten. Ungewollt. Ungeliebt. Und doch unheimlich notwendig.
Mary Oliver fragt: „Tell me, what is it you plan to do with your one wild and precious life?“ Eine Erinnerung, dass auch Schmerz Teil dieser Kostbarkeit ist.
Wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, wird die Mutter zwar immer Mutter sein – und doch wieder ein Stück weit sie selbst. Hier erinnert sie sich, wer sie einst war, wer sie geworden ist und darf sich freuen auf die Version, die sie nun werden wird.
Meister Eckhart sagt: „Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen, und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“
Vielleicht ist das Leben nichts anderes als ein unaufhörliches Verabschieden und Willkommen-heißen. Wir verlieren uns, um uns neu zu finden. Wir halten fest, um zu lernen, loszulassen. Und manchmal merken wir erst im Rückblick, dass das Ende, das uns den Atem nahm, die Tür zu einem Anfang war, den wir uns nicht hätten vorstellen können.
Das Bittersüße daran ist unausweichlich – es ist die Würze der Menschlichkeit. Wir tragen die Erinnerung an das, was wir waren, wie einen unsichtbaren Schatz in uns. Und dieser Schatz schenkt uns nicht nur Trost, sondern auch den Mut, wieder in etwas Unbekanntes hineinzuwachsen.
Vielleicht liegt darin das stille Geheimnis des Daseins: Dass wir am Ende weder ganz Anfang noch ganz Ende sind, sondern immer beides – und dass unsere Kraft genau aus diesem Dazwischen geboren wird.
@Sabrina Lettieri – Kunsttherapeutin M.A. und Heilpraktikerin für Psychotherapie

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