Abschiede sind schmerzhaft. Der Sterbeprozess einer geliebten Person kann zermürbend sein – nicht nur für den Sterbenden, sondern auch für die Angehörigen, die begleiten, pflegen und eine der schwersten Formen der Ohnmacht erleben. Es gibt kaum etwas Schmerzvolleres, als diesen Verlust mitansehen zu müssen.
Doch beim Trauern geht es nicht nur um den Menschen, den wir verlieren. Es geht auch um unseren eigenen Verlust: um Wurzeln, Zugehörigkeit, Identität. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr „nach Hause“ zu dieser Person kann? Werde ich nun selbst die Wurzel, die bleibt? Schon dieser Gedanke schnürt mir den Hals zu.
Gerade erlebe ich, wie meine Großmutter von uns geht. In mir werden Kindheitsmuster wach, ich sehne mich nach dem Zuhause, nach der Wärme, die ich mit ihr verbinde. Es ist nicht nur die Trauer um einen liebevollen Menschen, sondern auch um ein Lebensgefühl, um die Definition von Familie, um das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Mit ihr stirbt auch ein Teil meiner Identität.
Und doch: ich spüre, dass ich meinen eigenen Raum neu definieren muss. Wenn ich das nicht tue, droht die Ohnmacht – und die Gefahr, dass andere mich festlegen. Aber ich bin kein Opfer. Ich bin ich. Ich darf meine eigene Form von Zugehörigkeit schaffen – mit Freunden, Ritualen, durch Essen, Sprache oder Musik.
Wenn ich meine Wurzeln spüren will, dann tue ich, was sie getan hätte, was sie gekocht hätte, oder erinnere mich an das, was sie gesagt hätte. Zugehörigkeit wird dadurch nicht abgeschnitten – ich kann mich jederzeit mit ihr verbinden. Es wird anders sein, ja. Aber die Wärme, die sie mir geschenkt hat, lebt in mir weiter. Ich muss nur lernen, sie zu aktivieren, wenn ich sie brauche.
So wird durch diesen langsamen, schmerzhaften Abschied eine neue Wurzel geboren: meine eigene. Es fühlt sich an, als würde ich erneut erwachsen werden, als würde ich mich noch weiter abnabeln – und zugleich selbst zur Wurzel werden. Meine Kinder dürfen durch mich erfahren, was Halt bedeutet, und daraus ihre eigene Stärke gewinnen.
Jeder Mensch trauert anders. Meine Art darf so sein, wie sie ist: suchend, leise, aber klar. Ich beschäftige mich mit den Werten, die mich ausmachen, mit den Ritualen, die mir Halt geben, und mit dem Raum, den ich entwerfe – vielleicht als etwas, woran sich meine Kinder eines Tages erinnern, wenn sie selbst Halt brauchen.
Ich merke: In diesem Abschiedsprozess bin ich plötzlich selbst zum Anker geworden. Und so startet ein Neubeginn – einer, in dem ich mich selbst willkommen heiße. Auch, wenn ich traurig bin.
„Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen, und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“ (Meister Eckhart)
Sabrina Lettieri – Heilpraktikerin für Psychotherapie und Kunsttherapeutin M.A., Herbst 2025

Wenn dich dieses Thema bewegt – du musst das nicht alleine durchdenken. Ich begleite dich gerne in einem ersten kostenlosen Gespräch.