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Ein Tag im Leben

Morgens. Ich stehe auf, mache mir Kaffee – und schon kippt die Tasse über mein frisch gebügeltes Hemd. „Na toll, der Tag fängt ja schon mal gut an! Heute wird nicht mein Tag – das musste ja so kommen!“ Ich spüre, wie ein dumpfer Ärger in mir hochsteigt, ein Gefühl von Niederlage, obwohl der Tag gerade erst begonnen hat. Und während ich so denke, merke ich: Ich falle in eine alte Falle. Ich erkläre einen ganzen Tag für verloren, nur weil ein Moment schiefging. Psychologisch nennt man das Übergeneralisierung – ein Gedankenmuster, bei dem wir aus einem einzelnen Ereignis Rückschlüsse auf einen ganzen Tag ziehen. Evolutionär hatte das Sinn: Gefahren früh erkennen, Risiken minimieren. Heute raubt es mir nur Gelassenheit. Ein Fleck auf dem Hemd ist kein Omen für ein scheiterndes Gespräch. Ich gehe weiter…

Im Bus. Ich habe mich beeilt, bin pünktlich. Und dann kommt mein Vorgesetzter zu spät. Sofort steigt Ärger in mir auf: „Wie kann er nur? Hat er keinen Respekt vor meiner Zeit? Ich habe noch 1000 Dinge zu erledigen!“ In diesen Momenten merke ich, wie stark mein egozentrisches Denken wirkt – ich nehme die Welt nur aus meiner Perspektive wahr. Gleichzeitig merke ich den Impuls, mich anzupassen, gefallen zu wollen, ja nicht aufmüpfig zu werden damit niemand verärgert ist, ich schlucke meinen eigenen Ärger – People Pleasing. Zwei Extreme, beide ungesund, beide machen einsam. Und ich denke an den Satz von Viktor Frankl:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.“

Ich atme…

Mittags. Ein wichtiges Gespräch steht an. Ich habe mich vorbereitet, gelernt, investiert. Doch während ich da sitze, dreht sich mein Kopf um Fehler, die ich vielleicht machen könnte. Ich vergesse die 97 % richtig gelöster Aufgaben, die Stunden, die ich investiert habe. Psychologen nennen das den Negativity Bias – unser Gehirn ist auf Warnsignale programmiert – nicht auf Erfolgsmomente. Das erklärt, warum Lob uns oft weniger berührt als Kritik. Heute führt es dazu, dass wir uns selbst kleinmachen und die eigene Kraft kaum wahrnehmen. Und es ist so wahr:

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.“ (Anaïs Nin).

Nachmittags. Die innere Stimme wird lauter: „Du musst… Du sollst… Du darfst nicht vergessen…“ Perfektionismus klopft an die Tür. Früher versprach er Sicherheit – heute erzeugt er Druck, Leere und die Illusion, Kontrolle zu haben. Kontrolle, die wir oft verwechseln mit Sicherheit. Meine eigene Erwartungshaltung schafft es, dass ich die unbarmherzigste Form meiner Selbst annehme- und versage, weil es unrealistisch ist, alles zu erfüllen.

Und wenn der Stress steigt, tendiere ich zu Extremwerten. Ich polarisiere: Alles oder nichts, jetzt oder nie, schwarz oder weiß. Ich merke, wie sehr diese Polarisierung das Leben einengt – das bunte, unvorhersehbare Leben, das eigentlich möglich wäre. Ich verliere meine Logik, eine Möglichkeit gerecht abzuwägen und eine gute Entscheidung zu treffen.

Abends. Im Spiegel sehe ich mich. Ich sehe die Muster, die mich durch den Tag getragen haben: Übergeneralisierung, Egocentric Bias, People Pleasing, Negativity Bias, Perfektionismus. Ich sehe mich wanken zwischen Selbstzentriertheit und Anpassung. Und dann erkenne ich: Ich darf Fehler machen. Ich darf wachsen. Ich darf fühlen, ohne dass jedes Gefühl die absolute Wahrheit ist.

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ – Jean-Jacques Rousseau

Vielleicht heißt Abschied von Kontrolle genau das: mehr Vertrauen ins Fließen des Lebens. Nicht jede Handlung, nicht jeder Gedanke, nicht jede Emotion muss mich leiten – ich darf sie beobachten, sie fühlen, sie verstehen. Ich darf innehalten, Perspektiven wechseln, mich selbst hinterfragen und mich gleichzeitig akzeptieren.

Und so endet der Tag. Nicht perfekt, nicht vollständig kontrolliert, nicht frei von Fehlern. Aber lebendig. Ein Tag voller kleiner Schritte, die mich dem Menschen näherbringen, der ich sein kann. Vielleicht wird es Zeit, darauf zu Vertrauen, dass wir Menschen sind, dass wir Fehler machen dürfen und wir unser Leben lang lernen werden. Vielleicht ist es ok, wachsen zu dürfen, Räume zu haben, in denen wir experimentieren dürfen, in denen wir nachfühlen dürfen, ob das was wir tun auch das ist, was wir wollen, was wir uns für uns gewünscht haben, in denen wir Entscheidungen treffen, die auch mal keine Guten waren-

Vielleicht ist es Zeit für ein wenig Barmherzigkeit mit Dir selbst. Für Entschleunigung. Für Achtsamkeit. Für Dankbarkeit. Es wird Zeit zu unterscheiden, zwischen unserer Wahrnehmung, unseren Gedanken und dem was unser Körper spürt. Es wird Zeit sich im Spiegel zu sehen und zu hinterfragen. Es wird Zeit Perspektiven zu wechseln und auch mal von oben auf Situationen zu blicken: zu sehen, sind die Herausforderungen in mir, bestehen sie in der Beziehung zu jemanden oder in der Situation- oder bin ich einfach in der falschen Umgebung? Wichtig ist zu üben, durchzuhalten, weiter zu üben und einer möglichen Ambivalenz Raum zu geben, ehe sie sich wie ein Nebel lichtet. Am Ende sind wir Menschen- alle. Und vielleicht liegt darin die Freiheit – nicht in der Kontrolle, sondern im Vertrauen: in mich, in meine Entscheidungen, in mein Leben. Im Neubeginn.

Sabrina Lettieri, Herbst 2025

Wenn dich dieses Thema bewegt – du musst das nicht alleine durchdenken. Ich begleite dich gerne in einem ersten kostenlosen Gespräch.

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