Ich glaube an die Kraft menschlicher Begegnungen.
Daran, dass Zuhören etwas verändern kann. Dass Verständnis Brücken baut. Dass Wohlwollen, Mitgefühl und die Bereitschaft, einander wirklich zu begegnen, Entwicklung ermöglichen. Umso wichtiger wird es zuzuhören um des Hörens und des Verstehens willen – nicht um des Antworten-willens.
Vielleicht ist dieser Glaube eine der wichtigsten Grundlagen meiner therapeutischen Arbeit.
Doch was geschieht, wenn all das nicht ausreicht?
Wenn wir einem Menschen mit Offenheit begegnen und dennoch auf Ablehnung stoßen? Wenn unsere Worte anders verstanden werden, als wir sie gemeint haben? Wenn aus einem Gespräch kein gemeinsames Verstehen mehr entsteht, sondern der Versuch, die eigene Wirklichkeit, das eigene Weltbild zu verteidigen?
Zunächst versuchen wir vielleicht, uns zu erklären.
Wir suchen nach anderen Worten, hinterfragen uns selbst und versuchen, Missverständnisse aufzulösen.
Bis wir irgendwann feststellen, dass wir nicht mehr miteinander sprechen, sondern darum „kämpfen“, verstanden zu werden.
Vielleicht beginnt genau hier der erste Abschied: der Abschied von der Sehnsucht, verstanden werden zu müssen.
Denn wir können Verantwortung für unsere Worte und Handlungen übernehmen. Wir können Kritik ernst nehmen, Fehler eingestehen und unsere Haltung reflektieren.
Aber wir können nicht bestimmen, welches Bild ein anderer Mensch von uns entwickelt.
Und manchmal müssen wir sogar aushalten, in seiner Geschichte der „Böse“ zu sein.
Mich erinnert das an die Figur der bösen Stiefmutter aus der Märchenwelt. Wir leben das Leben, indem wir Held, Prinz, Prinzessin, Retter etc. sind… und wenn sich das plötzlich ändert? Wann sind wir mal die „Bösen“- denn seien wir mal ehrlich, keiner will freiwillig böse sein. Wir haben alle unsere Gründe, weswegen wir handeln, wie wir handeln.
Die Böse. Eine Figur, die aus einer bestimmten Perspektive betrachtet wird und deren Rolle scheinbar eindeutig feststeht.
Doch wie oft erleben wir im wirklichen Leben, dass dieselbe Handlung aus unterschiedlichen Perspektiven eine völlig andere Bedeutung erhält?
Ein Kind, dem Süßigkeiten verwehrt werden, erlebt möglicherweise zunächst nur die Enttäuschung. Den Elternteil, der eine Grenze setzt, empfindet es in diesem Augenblick vielleicht als ungerecht. Erst mit wachsendem Verständnis kann es erkennen, dass hinter dieser Begrenzung auch Fürsorge gestanden haben kann.
Natürlich ist nicht jede Grenze automatisch gerechtfertigt. Nicht jede gute Absicht führt zu einer guten Handlung.
Aber ebenso wenig wird eine Handlung dadurch falsch, dass sie von einem anderen Menschen als falsch empfunden wird.
Wir müssen nicht in jeder Lebensgeschichte der Held sein. Und wir werden nicht verhindern können, in manchen Geschichten der Böse zu sein.
Gerade in helfenden Berufen ist diese Erkenntnis nicht leicht.
Denn wir möchten verstehen, begleiten, Möglichkeiten eröffnen. Wir möchten Menschen erreichen, auch dann, wenn ihre Erfahrungen, Verletzungen oder Überzeugungen den gemeinsamen Blick auf eine Situation erschweren.
Doch irgendwann begegnen wir einer zweiten, vielleicht noch schmerzhafteren Erkenntnis:
Menschlichkeit, Liebe und Wohlwollen reichen nicht immer aus, um einen anderen Menschen erreichen zu können.
Manchmal ist das Leid so gegenwärtig, dass andere Perspektiven zunächst keinen Platz finden. Manchmal wird eine Grenze als Ablehnung erlebt, obwohl sie dem Schutz dient.
Und manchmal lässt sich eine Beziehung nicht fortführen, ohne dass die Beteiligten immer wieder an dieselben Grenzen stoßen. Das bedeutet nicht, dass einer der Menschen grundsätzlich falsch ist. Es bedeutet auch nicht, dass wir unsere Verantwortung ablegen dürfen.
Vielleicht bedeutet es gerade, Verantwortung zu übernehmen, wenn wir erkennen, dass unsere eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Dass wir nicht jeden Konflikt lösen können. Dass wir nicht jedes Missverständnis aufklären können.
Und dass wir nicht jeden Menschen davon überzeugen müssen, dass wir es gut mit ihm meinen.
Mitgefühl verpflichtet uns nicht zur Selbstaufgabe.
Auch Menschen in helfenden Berufen haben eine Würde, eigene Werte und Grenzen. Wir dürfen Kritik ernst nehmen, ohne jede Zuschreibung zu unserer Wahrheit werden zu lassen. Wir dürfen andere Weltbilder respektieren, ohne unsere eigenen Überzeugungen aufgeben zu müssen. Und wir dürfen erkennen, wann eine verantwortungsvolle Begleitung bedeutet, andere Hilfesysteme einzubeziehen oder eine Beziehung professionell zu beenden.
Das ist keine Strafe. Keine Überlegenheit. Und es bedeutet auch nicht, dass das Wohl des anderen bedeutungslos geworden wäre.
Verantwortung bedeutet auch, die Grenzen der eigenen Wirksamkeit anzuerkennen. Vielleicht liegt genau darin der Neubeginn:
zu verstehen, dass Menschlichkeit keine Grenzenlosigkeit verlangt.
Wir können uns einen anderen Ausgang wünschen und dennoch loslassen. Wir können uns unverstanden fühlen und dennoch aufhören, uns zu rechtfertigen. Wir können die Würde eines anderen Menschen achten, ohne unsere eigene preiszugeben.
Und wir können akzeptieren, dass wir in seiner Geschichte vielleicht niemals die Rolle einnehmen werden, die wir uns gewünscht hätten.
Vielleicht besteht menschliche Reife auch darin, nicht mehr in jeder Geschichte der Gute sein zu müssen, um sich selbst treu bleiben zu können. Vielleicht schenkt uns Selbstrespekt den Frieden, anzuerkennen, dass wir unser Bestes gegeben haben. Einen Frieden, der nicht mehr von der Reaktion des anderen abhängig ist.
Herbst, 2026
Sabrina Lettieri
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