Abschied und Neubeginn – ich sehe ich eine Leiter vor mir. Mein Fuß steht auf einer Sprosse, gibt Halt und erlaubt mir, den nächsten Schritt zu wagen. Vielleicht wackle ich, balanciere vorsichtig. Ich vertraue meinem Standbein, während mein Spielbein nach Orientierung sucht – nach der nächsten festen Sprosse, die mich trägt. Es fühlt sich oft an wie ein Tanz auf einer wackeligen Leiter. Eine Sprosse gibt Halt, die nächste ist ungewiss. Wir balancieren, stolpern, halten inne – und müssen doch weitergehen.
Manchmal sind die Sprossen unregelmäßig, und Zweifel kommen auf. Ich hoffe, dass mein Standbein mich hält, meine Arme mich tragen und mein Spielbein die nächste Sprosse erreicht. Ich spüre nicht nur das Gewicht meines Körpers, sondern auch das meiner Seele, meiner Vergangenheit. Jeder Schritt verlangt Vertrauen. Vertrauen in den Boden unter uns, in unsere eigenen Kräfte, in das, was noch kommen mag. Zweifel und Angst gehören dazu – sie zeigen uns, dass wir lebendig sind, dass wir etwas wagen, dass wir wachsen.
Jeder Abschied verlangt Vertrauen in die Zukunft. Doch selbst wenn wir ein Ziel erreichen, tauchen neue Fragen auf: „Und jetzt?“ Dieses Gefühl kennen wir nach großen Lebensabschnitten – nach dem Schulabschluss, nach dem Studium, nach der Geburt eines Kindes oder dem Erreichen eines Traums. Das „Und jetzt?“ steht vor uns wie eine leere Sprosse. Es ist die Einladung, innezuhalten, uns zu sammeln und bewusst zu entscheiden, wohin unser nächster Schritt führt.
Und genau hier liegt die Chance: Wer den Mut hat, den nächsten Schritt trotz Angst und Unsicherheit zu gehen, entdeckt, dass Wachstum immer in der Ungewissheit beginnt. Jeder Neubeginn ist eine Einladung, sich selbst zu vertrauen, neu zu orientieren und zu erkennen: Angst bedeutet nicht Stillstand, sie bedeutet, dass wir leben und wachsen.
Rilke hat einmal gesagt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Und tatsächlich – in jedem Ende steckt ein verborgenes Geschenk, ein Funken, der uns den Mut gibt, weiterzugehen.
Manchmal fühlen wir uns überwältigt von der Unsicherheit. Manchmal ist es hilfreich, jemanden an seiner Seite zu wissen – jemanden, der Halt gibt, wenn die Sprosse wackelt, und der uns unterstützt, den nächsten Schritt bewusst zu setzen. Und genau das ist es, was wir in der Arbeit miteinander tun können: Schritt für Schritt Vertrauen wiederfinden, den Mut stärken und über sich hinauswachsen. Seneca erinnert uns: „Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig.“ Und genau das ist es – wir dürfen wagen, auch wenn wir unsicher sind, wir dürfen weitergehen, auch wenn es uns Angst macht.
Jeder Abschied, jede Veränderung, jede neue Sprosse ist zugleich ein Tor zu Möglichkeiten, zu Wachstum, zu uns selbst. Khalil Gibran schreibt: „Vergangenheit ist nur ein Dach, unter dem wir Zuflucht fanden; aber wir müssen hinausgehen in die Sonne der Zukunft.“ Wir dürfen loslassen, wir dürfen den nächsten Schritt wagen, wir dürfen entdecken, wer wir wirklich sind, jenseits dessen, was wir kannten.
Abschied und Neubeginn gehören untrennbar zusammen. Wer den Mut hat, weiterzugehen, findet nicht nur neue Wege, sondern auch neue Seiten an sich selbst. Und manchmal ist es genau diese Begleitung – ein Gespräch, ein offenes Ohr, ein reflektierender Blick von außen –, die uns erlaubt, die nächste Sprosse zu erreichen.
Vertrauen wir dem Tanz, dem Auf und Ab, dem Wackeln und Balancieren. Jeder Schritt, so unsicher er auch sein mag, bringt uns näher zu dem Menschen, der wir werden können. Dieser Tanz kann lustig, schmerzhaft, abenteuerlich, schwindelerregend sein – doch er ist in jedem Fall einzigartig.
Sabrina Lettieri, Herbst 2025

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